Mit dem Rad von München nach Venedig

von Wolfgang L´Hoest

 


Nach GR5 und GTA beschließen mein alter Freund Renatus und ich, diesmal die Alpen mit dem Fahrrad zu überqueren: Vom Marienplatz zum Markusplatz, von München nach Venedig, wollen wir gemeinsam knapp 600 km radeln. Räder und Packtaschen werden in das vorgebuchte Fahrradabteil des IC nach München (Umsteigen in Stuttgart) geladen, und los geht es umweltfreundlich und bequem nach Süden.

Das erste Stück des Fernweges "München-Venezia", aus München hinaus, legen wir mit der S-Bahn zurück. Dann wählt Renatus die Variante entlang der Isar, während ich durch grünes Hügelland radele zum touristisch beliebten Tegernsee. Schilfumsäumt und von den Bergen der Bayrischen Voralpen eingerahmt führt der Radweg zur Weißach hin, deren kristallklare Bergwässer durch lichten Auwald über Kiesbetten und Felsstufen strömen.

Am Nordende des Achensees treffe ich am nächsten Morgen Renatus wieder. Der Nieselregen hört auf, die Wolkendecke wird lichter, die Nässe dampft aus und der Blick geht hinüber nach Pertisau, einem unrühmlichen Beispiel für die sich ausbreitende Alpenmegapolis. Der Uferradweg dagegen ist wirklich hübsch und auch vorzüglich gebahnt; eine alte Bahntrasse?
Zur Abfahrt ins Inntal wählen wir die Landstraße und nicht die vom Führer vorgeschlagene Route über geschotterte Waldwege. Von knapp 1000 m ü.NN haben wir an einer Spitzkehre eine prächtige Aussicht auf das tief unten liegende Inntal mit einmündendem Zillertal. Nach den Mühen des Anstieges war die Abfahrt  – Renatus: -  "ein Jubel".

Im Talgrund werden sattgrüne Mahdwiesen im Norden von dem hellkalkigen, schroff zerklüfteten Karwendelmassiv begleitet. Mittagspause in Schwaz: Zur Stadtpfarrkirche aus dem 15. Jahrhundert schreibt Renatus in seinem Reisebericht: "Streng grau mit goldenem Prachtaltar, der Jenseitiges zu veranschaulichen sucht und mit diesseitiger Pracht einschüchtert". Und dann noch die Karlskirche in Volders, eine von "Tirols Schätzen". In sattes Wiesengrün

eingebettet liegt malerisch dieses sorgsam restaurierte Rokokojuwel mit dem schönen Kuppelfresko aus der Hand von Martin Knoller, gemalt 1766.
In Innsbruck übernachten wir einfach, ordentlich und preiswert im "Volkshaus" und radeln im Abendlicht noch hinein in die Stadt, wo sich am "goldenen Dacherl" Touristen in großer Zahl drängeln.


"... nur äußerst trainierten Fahrern…empfehlen wir diese Variante..." steht in unserem Radreiseführer. Gemeint sind die über 1000 Höhenmeter zum Brennerpass durch das Wipptal hinauf. Also steigen wir nach dem Frühstück im Bahnhof von Innsbruck in einen Nahverkehrszug zur Staatsgrenze.
Ab hier ist das Radeln an diesem Tage wirklich ein großes Vergnügen! Auf einer stillgelegten  Bahntrasse fahren wir völlig autofrei ins Pflerschtal hinein und genießen die Aus- und Tiefblicke auf anmutige Dörfer, sattgrüne Wiesen- und Feldpläne, Bergwald und vergletscherte Höhen.

Nach Kaffeepause in Gossensass geht es hügelig durch Dörfer am Talrand und wir durchqueren   Sterzing "... das schönste Dorf Italiens..."(Zitat aus dem Führer). Auch bei  bei Stilfes und Pfulters verlässt die Route das Eisacktal und zieht Talrandhöhen hinauf. Schließlich  kommen wir nach Aicha und sind reif für eine Pause. Das Dorfgasthaus hat geschlossen, so strecken wir unsere müden Beine auf dem Rasen im Schatten des Dorfkirchleins aus. Ein Südtiroler fragt, ob wir schon mal probeliegen wollten. "Na klar doch, mit zusammen 150 Jahren!".
Vorbei an der mächtigen Sperrfort-Burgruine "Mühlbacher Klause" aus dem 15. Jahrhundert geht es im Talgrund entlang der kräftig strömenden Rienz, vorbei an hübschen Ortschaften und  abwechslungsreichen Flussrandbiotopen nach St. Lorenzen im Pustertal.Dort übernachten wir komfortabel in der freundlich-familiären Athmosphäre der "Traube", hübsch am Marktplatz gelegen.


Am Morgen ist das Wetter entgegen der Vorhersage sommersonnig mit einigen hochaufgetürmten Stratocumuli zum Alpenhauptkamm hin. Wir fahren zunächst durch den hübschen Marktflecken Bruneck und danach in Richtung Monguelfo. Der Radweg dorthin ist (kein Euphemismus!) eine Reise wert. Zuerst der in einem engen Bett schäumenden Rienz entlang durch Bergwald nach Perche. Dahinter öffnen die höher gelegenen Ortsteile von Olang schöne Weitblicke.mit Geiselberg und Welschhorn zum Beispiel; in den Hochkaren liegen noch Schneereste.

Am Ufer des Olangstausees vorbei ist bald Monguelfo erreicht, von wo uns, nach Osten blickend, zum ersten mal das Dolomitenmassif ins Blickfeld rückt. Hier verlässt der Radweg in Richtung Innichen noch zweimal das Tal und durchquert eine liebliche Wiesenregion. Hier immer wieder vom Rad absteigen um auf die wild zerissenen Gratschneiden, mächtigen Gipfelzacken, Felsnadeln, Spalten, Rinnen und Schluchten zu schauen- eine Szenerie von enormer Ausdruckskraft! "Sind die schönsten Berge der Welt", meint unser Roadbook zu diesem Weltnaturerbe.
Nachdem wir am Spätnachmittag in Toblach Quartier bezogen hatten, verdunkelt sich der Himmel mit Blitz und Donner und es wird finster um das Dolomitenmassiv herum.

Von Toblach steigt man, überhaupt nicht steil, auf einer alten Bahntrasse 350 HM an zum Passo Cimabanche, 1550 m über NN, dem höchsten Punkt unserer Radreise. Dunstgetrübt sind in meinem Fototourenbuch einige Aufnahmen zu sehen, die, obwohl die berühmten Drei Zinnen wolkenverhangen bleiben, von der bizarren Schönheit dieses Kalkgebirges künden. An der Passhöhe beginnt es zunächst leicht und dann bald mit enormen Güssen zu regnen. Also Anorak, Regenhose und Regengamaschen anziehen und in flotter Fahrt hinunter nach Cortina. Vor dem Cafe Royal trocknen Mountainbiker ihre Klamotten und ich treffe dort den Freund, der schon vorgefahren war. Renatus: "Ich weiß nicht, wie W. es schafft, mich immer zu finden: Nach einer halben Stunde trottet auch er in das Cafe.Warmer Kaffee, Stück Kuchen, Welt in Ordnung".

Das Wetter klart auf, Gottlob! Den ganzen Nachmittag leichtes Abwärtsradeln durch das Cadore; überwiegend asphaltierte aufgelassene Bahntrasse. Das Gewitter ist abgezogen, die Sonne scheint zwischen Restgewölk hindurch und so können wir auf einem hübsch hergerichteten Rastplatz der Gemeinde San Vito unsere feuchte Radbekleidung trocknen. Auch zu der Abfahrt im Cadoretal fällt mir nichts ein als "... eine Reise wert", der überwältigend schönen Aufblicke in die ockerfarbenen und grau verwitterten Flanken, Rinnen, Wandfluchten und Gipfeltürmen wegen. "Dolomitenparade zu beiden Talseiten: Cristallo, Tofanen, Antelao, Pelmo, Sorapis; sogar die Cinque Torre waren auszumachen. Der Fahradsattel als Kinositz im Landschaftsfilm", kommentiert dies Renatus.
Zum Tagesetappenschluss geht es nochmals steil gut 250 HM hinab nach Perarolo auf excellenter Straße ohne jeden Autoverkehr! Perarolo di Cadore ist ein ganz verschlafenes Dörfchen inmitten eines Talkessels. Schlafen im B&B "Il Cidolo", einem sehr hübsch und einfühlsam in liebevoller Handarbeit restaurierten Haus aus dem 19. Jahrhundert. Alles bestens! Weil es aber im Örtchen noch nicht einmal eine "Kaffeebude" gibt, kaufen wir in dem kleinen erlebenswerten Lebensmittellädchen ein (Mortadella wird frisch von Hand aufgeschnitten!) und picknicken am Flußufer, mit Vino Rosso natürlich.

Das untere Valle Cadore am sechsten Tag ist wiederum eine Radstrecke der schönsten Art. Kleine Dörfer und  Marktflecken, viel grünsatter Wald und Mahdwiesen bestimmen die Talgründe und die unteren Bergflanken. Und darüber ragen immer wieder die stolzen Gipfel der Friauler Dolomiten auf und rahmen, hoch aufragend Tal und Seitentäler ein. Vor Castellavazzo wird das Tal so eng, dass dieser Abschnitt (auf fast autofreier Straße) entlang dem Wildwasser "Piave Kanal" genannt wird. Vor Longarone, nach der steilen Abfahrt in das sich wieder weitende Tal mit breitem kiesigen Flussbett. verfahre ich mich leider und verliere so den Anschluss an den Kumpel.
Gewitter zieht auf – Warmluft vom Mittelmeer trifft hier auf eine kühlere Bergluftfront! - als ich in der Bar "Da Ciccio" auf den Freund warte. Bei Blitz, Donner und Hagelschauer gehen bei orkanartigen Böen in kurzer Zeit gewaltige Regenmengen nieder. Sehr, sehr gut da im Trockenen das Unwetter abzuwarten. Renatus dagegen, im Wald unter einem kleinen Regenschirm gekauert, wurde dabei völlig durchnässt. Nach dem Kraftwerk Soverzene gleicht der Radweg eher einer Mountainbikepiste: Treppen, Tunnel, schmaler steiniger Fußweg. Danach ist der Weg eigentlich wieder hervorragend, aber jetzt behindern handtiefe Pfützen, vom Sturm abgerissene Äste und entwurzelte Bäumchen die flotte Fahrt. Nach Umrundung des Lago treffen wir uns im B&B "Villa del Lago", einem alten Herrenhaus mit schönem Blick auf den See. Den ganzen Abend gehen in Nachwehen starke Regengüsse nieder.

Weil es am frühen Morgen des siebten Tages noch immer regnet, lassen wir uns Zeit und frühstücken plaudernd zusammen mit der Gastgeberfamilie (Mutter, Tochter, Großmutter) an einem Riesenküchentisch.
Von der in wenigen Minuten erreichten Passhöhe Sella di Fadalto haben wir dann einen prächtigen Rückblick auf den Lago St. Croce mit dahinter liegenden hügeligen Bergflanken und die steil aufragenden grauockigen Gipfelzonen der Dolomiten.

Dann in rasanter Abfahrt nach Vittorio Veneto. Im Ortsteil Serravalle verifiziert sich die Klassifizierung des Roadbooks: "Ein malerisches Juwel". Wir können uns nicht sattsehen an den in warmes Vormittagslicht getauchten alten Palazzi aus Spätromanik, Gotik, Renaissance an der schön gepflasterten Via Roma.
Und nur gut 10 km weiter, zum Schluss durch leichte Prosecco-Hügel, kommen wir nach Conegliano, einer weiteren städtebaulichen Kostbarkeit in der Region Venetien. Im wunderschönen Stadtzentrum liegen unweit der Piazza Giovanni Battista Cima herrliche Patrizierbauten an der leicht geschwungenen Hauptstraße, die sehr schön mit rötlichem Sandstein und weißlichen Flusskieseln gepflastert ist. Die zum Teil sorgfältig restaurierten Renaissancepaläste erweitern den Straßenraum durch prächtige Bogengänge und säulengestütze Loggien. Um den Reiz dieses Ensembles noch zu erhöhen, zaubert die Sonne Italiens lebhaft-kontrastreiche Licht- und Schattenbilder auf die Straße und Fassaden. Und da wir uns in der Heimat des Prosecco befinden, ist ein Gläschen davon unbedingt angesagt.

Auch hinter Vittorio-Veneto führt der Radweg (Landschaftswechsel!) durch anmutig-malerisches Hügelland in stetem Auf- und Ab. Gepflegte Weinbergfluren sind von kleinen Windschutzgehölzen unterbrochen.  Im saftigen Grün angesichts weicher Hügelkonturen radelnd, erreichen  wir bald die Brücke über die Piave. Danach, wir machen noch einmal zügig Fahrt, geht es durch flaches Ackerland nach Villorba; in der Rückschau sind die Alpen am Horizont zu sehen. Im Albergo "Alle Castrette" besteht Renatus energisch darauf, dass wir nicht an den Tischen mit "Coperto" vornehm und teuer essen sondern dort, wo auch Arbeiter und Lastwagenfahrer sitzen; schnörkelloser und auch viel billiger. Bei Einbruch der Dunkelheit verfinstert sich der Himmel furchterregend und es donnert und blitzt am pechschwarzen Firmament; wir sind aber geborgen.

Am achten Tag unserer Reise geht es flott nach Treviso, einem weiteren schönen Anlaufpunkt auf unserer Radtour. Die Stadt mit altem Kanalsystem und engen, zum Teil von Bogengängen eingefassten Straßen mit vielen Palazzi, errichtet zwischen dem XII. Und XVI. Jahrhundert, gefällt uns beiden sehr gut mit ihrer Mischung aus großstädtisch-eleganter Betriebsamkeit und mediterranem Flair. Die historischen Häuser, die Lauben und die bezaubernden Plätze und Cafes verleihen der Kommune eine gemütliche Athmosphäre. An der Dante-Brücke treffen wir auf den Niederungsfluss Sile."Man fährt längs der bezaubernden Strecke am Ufer entlang", steht in unserem Reiseführer. Breit und behäbig fließt der Sile in Richtung Adria. Wir radeln über den gekiesten Treideldamm durch unglaubliches Grün: Schilf, Ufergehölze, Wiesenstreifen, geschützte Feuchtbiotope,  und wohlbestellte Felder liegen am Weg. Als wir in Quarto d' Altino lecker zu Mittag essen, sagt Renatus: "Das Leben ist schön, besonders in Italien."
Im Gegensatz zur Kleingliedrigkeit des Weinbaugebietes im Alpenvorland herrscht in dieser Ackerbaugegend Großgrundbesitz mit mächtigen ziegelroten Wirtschaftsgebäuden vor.
Von Quarto d_Altino fahren wir die letzten 20 km der Tour bis Mestre durch Ackerfluren mit riesigen Getreide- und Maisanbauflächen. Das Wirtschafts- und Industriezentrum Mestre überrascht dann mit der weiten Piazza Ferretto im Zentrum.
In Mestre ist der "Bici-Park", eine große bewachte Fahrradgarage, sonntags, an unserem vorgebuchten Rückreisetag, leider geschlossen. Mit viel Mühe (Aufregung! Aufregung!) gelingt es mir dann unsere Fahrräder für 20 Euro zwei Tage lang in der Autogarage eines kleinen Hotels in Bahnhofsnähe unterzubringen. Mit dem Zug über den Eisenbahn- und Straßendamm durch die Laguna di Venezia, und weiter mittels Vaporetto (Wasserbus) zur Insel Giudecca.

Im ziemlich teuren Venedig kann ich die Übernachtung mit recht gutem Frühstück für 45 Eur im Generatorhostel empfehlen, schön gelegen auf La Giudecca. Das Ostello befindet sich in einem einfühlsam umgebauten Salzlagerhaus mit Mehrbettzimmern und großen, gepflegten Sanitärbereichen sowie einem gemütlichen Gastronomieareal.
Nach einem Tag gemütlichen Schlenderns nach dem "Zufallsprinzip" durch schmale und breitere Gassen, über Brückchen, durch handtuchbreite Durchgänge und über sich überraschend öffnende Plätze mit den jeweiligen Stadtteilkirchen, einer Besichtigung des Canale Grande vom Vaporetto aus, bringt uns am zehnten Tag die ÖBB ab Mestre wieder zurück nach München.

Offizielle Infos siehe http://www.muenchen-venezia.info/.
Infos zu unseren Etappen (gpx) und Unterkünften siehe unter www.luetticken.net.




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